Warum ich die Klage gegen die Tagesschau-App bedauere

Politik

Acht Zeitungsverlage haben eine Klage gegen die Tagesschau-App für Smartphones eingereicht. Sie sind der Meinung, die Tagesschau würde den Markt verzerren und unfairen Wettbewerb praktizieren. Schwerpunkt der Kritik ist die „Textlastigkeit“ der angebotenen Informationen. Hörfunk- und fernsehähnliche Inhalte bleiben von der Kritik unberührt.
Als ich von der Klage hörte, habe ich spontan einen Tweet abgeschickt:
Tweet vom 21.06.
Dieser Tweet veranlasste Christoph Keese vom Axel Springer Verlag zu einem längeren Blogbeitrag. Er stellt die Behauptung auf, ich würde mir meiner Aufgabe als Medienpolitiker nicht ganz klar sein. Deswegen nun ein paar Anmerkungen von mir.

Ich bedauere die Klage, weil ich glaube, dass sich dadurch die Fronten nur verhärten. Ich würde mir Innovation statt Klagen wünschen. Wie sagte Danny de Vito im Film „Das Geld anderer Leute“? „Anwälte sind wie Atombomben. Man droht mit ihnen, aber man setzt sie nicht ein.“ In der öffentlichen Wahrnehmung haben sich die Verlage mit diesem Schritt auch keinen Gefallen getan. Das ohnehin schon angekratzte Image leidet weiter. Schließlich wird hier nicht gegen irgendeine „Musikantenstadl App“ geklagt, sondern gegen das Flagschiff der bundesdeutschen Nachrichtenlandschaft. Der Solidarisierungseffekt ist enorm.
Es steht natürlich jedem frei, sich an die Gerichte zu wenden. Das Anliegen der Verlage ist nachvollziehbar. Deren Erwartung ist, dass streng darauf geachtet wird, dass durch die Gebührenfinanzierung keine Wettbewerbsverzerrung entsteht. Ich bezweifle aber, dass es sich bei der „TagesschauApp“ tatsächlich um eine wettbewerbswidrige Anwendung handelt. Aus meiner Sicht ist dies eine Optimierung der Contentverbreitung. Anstatt auf die mobile Internetseite der Tagesschau zuzugreifen, wird die App benutzt, um die gleichen Inhalte anders darzustellen. Inhalte, die ohnehin schon vorhanden sind. ARD und ZDF produzieren Bewegtbild-Inhalte und erstellen seit den achtziger Jahren auch Texte (Videotext – den es übrigens auch im Internet gibt: ard-text.de). Die Klage dürfte also genauso erfolglos bleiben wie alle Beschwerden über wettbewerbsverzerrende Internet-Angebote zuvor. Aber ich bin kein Jurist und in Hamburg sagt man ja „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand“. Warten wir’s also ab.
Warum habe ich den Schritt als „Verzweiflungstat“ bezeichnet? Das Netz durchdringt alle Lebensbereiche und verändert nicht nur unsere Medienkonsumgewohnheiten und damit auch die Geschäftsmodelle der Medienunternehmen. Leider hat es bisher kein Medienhaus geschafft, ein tragfähiges Geschäftsmodell im Internetzeitalter zu entwickeln. Auch wenn die Marktführer Springer und SPIEGEL mit ihren Online-Medien nicht so schlecht verdienen. Deutschlands Privatsender verschlafen es seit Jahren, ihre Serien, vor allem die US-Lizenzware, im Netz zu vermarkten, obwohl die Nachfrage eindeutig vorhanden ist.
In der schönen neuen Welt der Apps sehen nun einige Verlagsmanager die Rettung vor der unkontrollierbaren Welt des Internets und wollen diesen Markt besonders schützen. Ich hab das schon Anfang 2010 bezweifelt. Steve Jobs ist weder der Retter der alten Medien, noch der freien Presse. Ein Blick in den AppStore spricht Bände: Weder unter den Bezahl-Apps noch unter den Gratis-Apps befindet sich in den Top10 eine News-App.
Meine Einschätzung zur aktuellen Diskussion ist die, dass der App-Boom demnächst wieder abebbt: HTML5 ante portas. Mit den neuen Möglichkeiten von HTML5 braucht ein Contentproduzent keine Apps mehr, um dem Kunden das gleiche Erlebnis zu liefern. Wird dann als nächstes Klage gegen die Verwendung von HTML5 eingereicht?
Auf Druck der Verlage hat die Politik den Sendern das Leben im Netz bereits schwerer gemacht, Stichwort „Dreistufentest“ und „Depublizierung“. Die Folge ist, dass Gebühren für Bürokratie verwendet werden und Inhalte gelöscht werden, die vom Gebührenzahler bezahlt wurden. Hat es etwas an der Marktsituation geändert? Nein, stattdessen ärgern sich die User oder besorgen sich die Filme über andere Kanäle. Sie surfen aber keinesfalls unmittelbar zu den Verlagsangeboten. Ich bezweifle auch, dass ein Nicht-Vorhandensein der Tagesschau App automatisch dazu führen würde, dass die Kunden scharenweise kostenpflichtige App-Abos abschließen.
Zurück zu Herrn Keese und seiner Äußerung, ich würde einseitig Partei ergreifen. Natürlich bekümmert mich der Zustand der hamburger (und der deutschen) Medienwirtschaft. Zu viele Chancen wurden liegen gelassen, zu viele Optionen verspielt. Für viele Verlage ist es ein nackter Kampf ums wirtschaftliche Überleben. Für die deutsche Medienlandschaft ist es aber elementar wichtig, dass wir neben den öffentlich-rechtlichen Angeboten auch starke, wettbewerbsfähige Medienhäuser aus der Privatwirtschaft haben. Erst recht in einem globalen Zusammenhang, wie wir ihn im Internet haben. Denn die Medien erfüllen in einer Demokratie eine extrem wichtige Funktion. Im Vordergrund sollte der Bürger mit seinem Bedarf nach umfassender und qualitativ hochwertiger Information stehen.
Das Netz ist der Vertriebsweg der Zukunft, insbesondere für Informationen. Im Netz ist jeder Sender, ob er nun aus der klassischen Verlagswelt kommt, oder aus dem Hörfunkbereich oder woher auch immer. Ich möchte weder ein staatliches, noch ein privatwirtschaftliches Internet. Ich möchte ein öffentliches Internet! Wenn es den Verlagshäusern um eine sinnvolle Abgrenzung zwischen privatwirtschaftlichen Medien und gebührenfinanzierten Medien geht, dann sollten wir darüber reden. Nicht mit Anwälten im Gerichtssaal, sondern am Verhandlungstisch und in der Öffentlichkeit. Hier können wir dann auch über die Chancen reden, die sich durch die neuen Möglichkeiten für alle Beteiligten eröffnen.

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